Duft, Zellen und Wirkung: Was Aromatherapie wirklich kann – und was nicht

Ätherische Öle und Duftstoffe werden oft ausschließlich mit „Riechen“ in Verbindung gebracht. Der Thieme-Beitrag „Von riechenden Zellen“ (Eliane Zimmermann) zeigt jedoch einen spannenden Forschungsstand: Duftrezeptoren sind nicht nur in der Nase aktiv, sondern finden sich offenbar auch in anderen Geweben des Körpers. Das eröffnet neue Perspektiven – erfordert aber gleichzeitig eine klare Abgrenzung zwischen Grundlagenforschung und therapeutischen Heilsversprechen.


1) Duftwahrnehmung beginnt sehr früh

Der Artikel beschreibt, dass der Fötus bereits im Mutterleib Aromen wahrnimmt, die die Mutter über die Nahrung aufnimmt. Damit wird deutlich: Geruchs- und Aromawahrnehmung ist kein „Luxussinn“, sondern biologisch früh angelegt.


2) Duftrezeptoren: Nicht nur in der Nase

Zentrale Aussage: Neben den klassischen Riechzellen in der Nase besitzen vermutlich auch viele andere Zellen im Körper Duftrezeptoren (olfaktorische Rezeptoren). Diese Rezeptoren „riechen“ nicht bewusst wie wir, können aber auf Duftmoleküle reagieren und dadurch zelluläre Prozesse beeinflussen.

Diese Idee wird auch in der wissenschaftlichen Literatur breit diskutiert: Olfaktorische Rezeptoren werden in verschiedenen Geweben nachgewiesen und mit Funktionen wie Zellkommunikation, Migration, Wachstum/Teilung oder Signalwegen in Verbindung gebracht.


3) Beispiele aus der Forschung: Wo Duftrezeptoren eine Rolle spielen könnten

Der Thieme-Eintrag nennt als Stichworte u. a. Spermien, Prostata-/Leberkrebs, „Maiglöckchen“, „Veilchen“, Helional und verweist auf wissenschaftliche Arbeiten.
Wichtig: Viele dieser Befunde stammen aus Labor- und Grundlagenforschung.

a) Prostatakrebszellen und „Veilchen“-Duftstoff (β-Ionon)

Eine der im Thieme-Beitrag gelisteten Referenzen beschreibt, dass ein Duftstoff (β-Ionon, bekannt aus „Veilchen“-Duftnoten) einen olfaktorischen Rezeptor in Prostatakrebszellen aktivieren kann. In Zellkultur wurde dabei ein Signalweg ausgelöst, der mit einer Hemmung der Zellproliferation verbunden war.

b) Leberkrebszellen und Citronellal (Monoterpen)

Eine weitere im Beitrag genannte Arbeit untersucht (-)-Citronellal (ein Monoterpen, das in Duftprofilen z. B. zitrisch/frisch vorkommt). In Leberkrebs-Zelllinien wurden über einen olfaktorischen Rezeptor (OR1A2) Calcium- und cAMP-abhängige Signalwege beobachtet; der Mechanismus wurde als möglicher Ansatzpunkt diskutiert. Auch hier gilt: experimenteller Kontext, keine klinische Therapieaussage.
(Die Forschungsnachricht/Einordnung findet sich auch in Wissenschafts-PR-Quellen.)

c) Duftrezeptoren im Herzen: mögliche Effekte auf Herzfunktion

Der Thieme-Artikel führt eine Ruhr-Uni-Bochum-Quelle in der Literaturliste an, die sich mit Duftrezeptoren im Herzen beschäftigt. Berichtet wird: Bestimmte Rezeptoren reagieren dort auf Fettsäuren, und Aktivierung kann Parameter wie Herzfrequenz/Herzkraft beeinflussen (Forschungsbericht, Basic Research in Cardiology als Kontext).

d) Atemwege: Rezeptoren, die glatte Muskulatur modulieren

In der Literaturliste taucht außerdem Forschung zu Rezeptoren in Atemwegsmuskulatur auf: Olfaktorische Rezeptoren können dort physiologische Prozesse mitsteuern (z. B. Tonus/Signalwege).
(Die Details sind in der zitierten Fachpublikation aus Frontiers in Physiology beschrieben.)

e) Verhalten/Soziales: Hedione und „Reciprocity“

Auch Effekte auf Verhalten werden diskutiert: Eine Studie untersuchte, ob die Exposition gegenüber Hedione (ein Duftstoff aus dem Parfümbereich) messbare Effekte auf reziprokes Verhalten (Belohnung/Bestrafung in ökonomischen Experimenten) haben kann. Die Arbeit betont selbst, dass menschliche chemosensorische Kommunikation ein komplexes und teils kontroverses Feld ist, liefert aber experimentelle Daten.


4) Was bedeutet das für Aromatherapie und ätherische Öle?

Der Thieme-Beitrag ist vor allem als Forschungs- und Grundlagenüberblick zu lesen: Er zeigt, dass Duftmoleküle prinzipiell an verschiedenen Stellen im Körper „andocken“ können und dort Signalwege beeinflussen.

Wichtig für die Einordnung:

  • Viele Ergebnisse stammen aus in-vitro-Studien (Zellkultur) oder experimentellen Settings.
  • Daraus lässt sich keine direkte Aussage ableiten wie „ätherische Öle heilen Krebs“.
  • Der Schritt von Rezeptor-Mechanismus → klinische Therapie ist groß und erfordert robuste Humanstudien.

Genau diese Differenzierung ist entscheidend, weil Marketing im Aromabereich Forschungsergebnisse häufig verkürzt („Duft stoppt Krebs“) oder emotionalisiert.


5) Fazit: Spannende Forschung – aber keine Abkürzung zu Heilversprechen

„Von riechenden Zellen“ liefert einen interessanten Blick darauf, wie weit Duftforschung heute reicht: Duftrezeptoren tauchen in immer mehr Geweben auf, und Duftmoleküle können dort messbare Prozesse beeinflussen.
Für Verbraucher*innen heißt das: Aromatherapie kann Wohlbefinden unterstützen, aber Aussagen über Krankheitsheilung brauchen klinische Evidenz und dürfen nicht aus Laborbefunden „hochgerechnet“ werden.


Quellen

  • Eliane Zimmermann: „Von riechenden Zellen“, Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift (2017), Thieme Connect (Zusammenfassung + Literaturverzeichnis).
  • Neuhaus EM et al. 2009: Olfactory receptor activation inhibits proliferation of prostate cancer cells (β-Ionon).
  • Maßberg D et al. 2015: (-)-Citronellal affects hepatocarcinoma cell signaling via an olfactory receptor (OR1A2).
  • Berger S et al. 2017: Exposure to Hedione increases reciprocity in humans.
  • Deutsches Ärzteblatt (2017): Duftrezeptoren am Herzen (Forschungsbericht / Kontext).
  • Maßberg & Hatt Review / Überblick zu Funktionen olfaktorischer Rezeptoren außerhalb der Nase (Übersicht)

Bei Xundhaus gilt: Aufklärung schlägt Marketing. Xundheit braucht Information, nicht Marketing.

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